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Training mit Herz

Faris Al-Sultans Triathlon arabischer Art - Training nach Gefühl statt mit System. Erst lief er mit gefälschtem Pass, jetzt aber geht es mit rechten Dingen zu:

Das Haar ist von einem Piratentuch bedeckt, das kantige, hagere Gesicht von Bartstoppeln übersät. Die dunkeln Augen haben einen Ausdruck von Wildheit und Entschlossenheit. "Ich will es wissen", sagt Faris Al-Sultan wenn er über seine Triathlon-Karriere spricht, und man glaubt es dem 22 Jahre alten Münchner aufs Wort. Der Sohn eines Irakers und einer Münchnerin ist im August deutscher Meister über die Ironman-Distanz geworden und hat mit acht Stunden und 22 Minuten eine Weltklasseleistung hingelegt. Seit drei Jahren betreibt er erst den Sport, und jetzt will er ganz nach oben, einmal beim Ironman in Roth oder in Hawaii ganz vorne landen.

Der erste Eindruck von Al-Sultan täuscht nicht. Seine bisherige sportliche Karriere trägt, wie seine Erscheinung, Züge von "arabischem" Extremismus, über die auch sein bayerischer Tonfall nicht hinwegtäuschen kann. Als Kind hat Al-Sultan Judo betrieben und Fußball gespielt, mit 14 kam er in den Schwimmverein. Zu spät, um im Schwimmsport den großen Erfolg zu haben. Als Ergänzung zum Schwimmtraining wurde im Schwimmverein jedoch gelaufen, und dabei entdeckte Al-Sultan seine Neigung dazu, Grenzen auszuloten und zu überschreiten. "Ich bin immer weiter und immer mehr gelaufen. Einmal, mit 16 bin ich 70 Kilometer gelaufen, einfach so, um auszuprobieren wie das ist." Ebenfalls mit 16 lief er seinen ersten Marathon in drei Stunden und zehn Minuten. Um teilnehmen zu dürfen, musste er seine Papiere fälschen: In Deutschland ist Marathonlaufen erst ab 18 erlaubt.

Mit seinem ersten Triathlon über die Ironman-Distanz wollte er ebenfalls nicht warten, bis er das Mindestalter von 21 erreicht. Deshalb telefonierte er bei ausländischen Veranstaltern herum, bis er einen fand, der ihm mitmachen ließ. So absolvierte er mit 19 Jahren auf Lanzarote seinen ersten Wettbewerb über 3,8 km Schwimmen, 180 Kilometer Radfahren und 42 Kilometer Laufen. Zehneinhalb Stunden brauchte er dafür und wurde 60. von rund 800 Teilnehmern. Seither zeigt seine Leistungskurve kontinuierlich nach oben: 1999 wurde er auf Lanzarote 17. und auf Hawaii, der inoffiziellen WM der Langstrecken-Triathleten, 53. In seiner Altersklasse belegte er auf Hawaii den dritten Platz. Nachdem er in diesem Jahr wegen eines Defektes an seinem Fahrrad in Roth nicht die Qualifikation für Hawaii ergattern konnte, wich er auf die deutschen Meisterschaften in Kulmbach aus. Dort düpierte er mit Athleten wie Siggi Ferstl und Markus Dippold zumindest die zweite Reihe in Deutschland hinter den internationalen Topstars Thomas Hellriegel, Lothar Leder und Jürgen Zäck.
"Mir fehlt zur Weltspitze noch knapp eine halbe Stunde", schätzt er seine Perspektiven ein, "und ich habe noch vier Jahre Zeit bis ich im besten Triathletenalter bin." Systematisch oder mit Anleitung trainiert hat Sultan noch nie." Ich habe die Literatur studiert und ich führe Gespräche. Ansonsten höre ich auf mein Gefühl." Das Gefühl lenkt ihn allerdings bisweilen auf extravagante Wege. Während seine Kollegen etwa ihre Saisonvorbereitung auf Mallorca absolvieren, fährt der Student der Geschichte und Kultur des Nahen Orients zum Trainieren in das kleine arabische Emirat Al Ain. Laufen könne er da bestens in den "Wadis", in trockenen Flußbetten, Rad gefahren wird auf dem Seitenstreifen der wenigen Highways. Da fährt er schon mal bis zu 340 Kilometer, die Strecke von Abu Dhabi bis Dubai und zurück, bei 45 Grad im Schatten, schnurgeradeaus. "Abwechslungsreich ist das nicht.", gibt er zu, "aber im Trainingslager kommt es nur auf die Distanz an." Der Vorteil sei hingegen, dass er sich an die Hitze auf Lanzarote und Hawaii gewöhne. Nach Arabien führt ihn natürlich auch das Interesse an der Kultur seines Vaters. Sein Vater und auch er seien gläubige Muslime, der Alltag in der Familie Al-Sultan unterscheide sich jedoch kaum von jeder anderen deutschen Familie. "Wir sind liberal und tolerant, und wir leben nun mal im Westen." Am Islam interessiert Al-Sultan vor allem, wie man dessen Werte bewahren könne, ohne in Fundamentalismus zu verfallen. "Wie kann in Zukunft ein moderner arabischer Staat aussehen?", das möchte er durch seine Studien und seine Besuche in den Emiraten herausbekommen.
Einstweilen will Faris Al-Sultan - zu Deutsch "Ritter und Herrscher" - jedoch noch weiter sein eigenes Potential als Athlet ausschöpfen. Nach seinem deutschen Meistertitel hat Al-Sultan jetzt sogar erstmals Aussicht auf Sponsoren. Seinem Durchbruch steht kaum noch etwas im Weg. Am wenigsten sein Selbstbewußtsein. Über seine gleichaltrige Konkurrenz wie den Berliner Alexander Mügge, der in diesem Jahr Fünfter in Roth wurde sagt er: "Ich laufe schneller und fahre bald genauso schnell Rad. Aber er wird niemals so schnell schwimmen können wir ich." Die Zukunft, davon ist Sultan fest überzeugt, gehört nur ihm allein.

(Text von Sebastian Moll; erschienen in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung )

Die wichtigsten Fakten/ Quick facts

Name: Faris Al-Sultan
Nationalität: Deutsch
Geburtsort und Geburtstag: München, 21.01.1978
Wohnort: München, Bayern, Deutschland
Beruf: Profi-Triathlet, Studium der Geschichte und Kultur des Nahen Orients (derzeit ausgesetzt)
Familienstand: ledig
Vereine: TV Thalmässing (Erststartrecht), Triathlon Team Witten (Zweitstartrecht), 3athlon.org e.V. (Ehrenmitgliedschaft), Freier Wassersport München (Schwimmverein)
Erfolge: 1 x Hawaii Champ, 4 x Deutscher Meister,...